Jenseits der Pop-Sauce
Florian Froschmayer, der Regisseur von ÇExklusivÈ, ?ber seine Lieblingsband The Corrs
Auch ich h?re mir The Corrs an. Warum dieses Coming Out? Das irische
Quartett geh?rt zu den Ausnahmebands in der heutigen Popschmalzsauce.
Leider werden die Corrs auch immer mit derselben in Verbindung gebracht
oder gar als ein Teil davon bezeichnet. Grund daf?r sind sicher ihre
weltweit bekanntesten Songs ÇOnly When I SleepÈ oder ÇWhat Can I DoÈ
ihres zweiten Albums ÇTalk On CornersÈ.
Es war 1995, als ich im
Hallenstadion Z?rich ein Konzert der Popschmalz-Queen C?line Dion
besuchen ging (ich weiss, sicher auch ein separates Coming Out wert!).
P?nktlich wurde es dunkel, und vier kleine Iren betraten die B?hne. Ich
hasse Vorgruppen! Vorgruppen sollen die Zuschauer anheizen, damit es
dem Haupt-Act danach leichter f?llt. In Wirklichkeit ver?rgern die
Vorgruppen aber meist das Publikum, was dem Haupt-Act aber zugute
kommt. Man ist jeweils so dankbar, wenn man eine Vorgruppe ?berstanden
hat, dass alles Nachfolgende eh gut ist. Die wirklich Grossen haben bei
einem Hallenkonzert keine Vorgruppen n?tig. Und so war ich besonders
?berrascht, als es hiess, C?line habe eine Vorgruppe. Nun sind
Vorgruppen ja meist junge Bands, die vom Haupt-Act gef?rdert werden,
und so war ich doch ein wenig auf die vier kleinen Iren gespannt. 45
Minuten sp?ter war der Zauber leider schon vorbei. Wir str?mten an den
CD-Stand neben den Getr?nkeverk?ufern. C?line war zur Nebendarstellerin
verkommen. Das ist dann verdammt hart, wenn der Haupt-Act zur
Nebensache verkommt. R?ckblickend scheint es, dass dies nur an diesem
Abend der Fall war. In meiner Euphorie habe ich wahrscheinlich auch
nicht bemerkt, dass nicht das ganze Hallenstadion die Deb?t-CD
ÇForgiven Not ForgottenÈ kaufen ging. Denn von den Corrs h?rte ich
lange Zeit nichts mehr. The Corrs lassen sich nicht in die
Schmalzpop-Ecke abdr?ngen Erst im Herbst 1997 liessen sie wieder etwas
von sich h?ren. Sie machten sich mit ihrer zweiten Platte ÇTalk On
CornersÈ auf eine Welttournee (ohne Vorgruppe!). Das Konzert in Z?rich
war allerdings nicht im Hallenstadion, sondern nur im kleinen Z?rcher
Klub Jail. Es waren etwa 300 Zuschauer da, aber es war eine Megaparty.
Damals arbeitete ich als Redaktor bei der Kindersendung ÇKidsÈ. Obwohl
keiner auf der Redaktion die Band kannte, konnte ich einen Beitrag
durchboxen. Unser Jungmoderator Remo (damals 16) durfte Sharon Corr und
Caroline Corr, zwei der vier Geschwister, interviewen. Bescheiden und
geduldig nahmen sich die beiden attraktiven Frauen f?r unseren immer
nerv?ser werdenden Remo Zeit. Schliesslich erfuhren wir, wie immer bei
solchen Interviews, nichts, was wir nicht schon wussten. Beide sind
C?line sehr dankbar, dass sie die Band ?ber ein Jahr mit auf Tournee
genommen hatte. Mit David Foster haben sie bei ihrer ersten Platte
einen der erfolgreichsten Songschreiber und Musikproduzenten dabei
gehabt. Gr?ssen wie Michael Jackson oder Whitney Houston haben schon
mit ihm gearbeitet. Er hat die Filmmusik zu ÇSt. Elmos FireÈ oder ÇThe
Secret of My SuccessÈ geschrieben. Weiter stammt die Titelmelodie der
Olympischen Spiele 1988 sowie der Titelsong der Spiele 1996 von Atlanta
aus seiner Feder. Auf der ersten Corrs-CD, die es ?brigens weltweit auf
?ber zwei Millionen verkaufte Exemplare gebracht hat, hat er neben der
Produktion noch den Song ÇSomedayÈ geschrieben. Die Corrs-Geschwister
liessen sich aber nicht in die Schmalzpop-Ecke dr?ngen. Was sie vom
Rest der Sauce abhebt, war und ist, dass sie einerseits alles
hervorragende Musiker sind und andererseits einen einzigartigen Stil
entwickelt haben. Was Bonos Stimme f?r U2 ist oder Mark Knopflers
Gitarre f?r die Dire Straits war, ist die Geige von Sharon und die
Fl?teneinlagen von Leads?ngerin Andrea f?r die Corrs. Obwohl Andrea mit
einer wunderbaren Stimme ausgestattet ist, sind die Corrs bei ihren
Instrumentaltracks am st?rksten. W?hrend auf der Deb?t-CD das
Verh?ltnis noch knapp 50:50 war, gibt es auf der zweiten CD nur noch
gerade einen Instrumentaltrack. F?r mich als Liebhaber jeglicher
instrumentaler Filmmusik sind gute Instrumentaltracks nat?rlich ein
Hochgenuss. Nun stehe ich aber auch auf gute Songs. Mit guten Songs
meine ich nicht unbedingt die aktuelle Top Ten der Schweizer Hitparade.
Viele Acts haben nur noch einf?ltige Beats oder einen schnellen
Rechner, den sie, zugegebenermassen, gut bedienen k?nnen. Bei den Corrs
kommen andere, direkt mit der Musik verbundene Talente zur Geltung. Die
vier irischen Geschwister Andrea (S?ngerin, Fl?te) Sharon (Violine),
Carolina (Schlagzeug) und Jim (Gitarre, Keyboard) haben schon fr?h mit
Musizieren begonnen. ÇUnsere Familie besteht fast nur aus MusikernÈ,
sagte uns Sharon im Interview. ÇF?r uns Kinder war es immer klar, dass
wir irgendwann einmal zu einer Band werden.È Entdeckt wurden die vier
1990 von John Hughes, ihrem sp?teren Manager, bei einem Band-Casting
f?r Alan Parkers ÇThe CommitmentsÈ. Sie freundeten sich mit Hughes an,
der ihnen via kleinere Gigs einen Auftritt an einer Feier rund um die
Fussballweltmeisterschaften 1994 in Amerika verschaffte. Ihre Tour mit
C?line Dion machte die Corr-Geschwister weltweit bekannt Jason Flom von
Atlantic Records war von der Band so angetan, dass er ein Meeting mit
David Foster arrangierte. Dieser war ebenfalls begeistert und
produzierte ihr Deb?talbum. Den richtigen Durchbruch schafften sie
allerdings noch nicht. Die Platte lief vornehmlich in Irland, D?nemark
und Asien gut. Ihre Tour mit C?line Dion machte sie aber in der ganzen
Welt bekannt. Andrea begann sogar eine Karriere im Filmgesch?ft. Sie
war in einer kleinen Nebenrolle in Alan Parkers ÇEvitaÈ zu sehen. Den
endg?ltigen Durchbruch schafften sie nun zu Beginn dieses Jahres, als
ÇTalk On CornersÈ auch in Amerika durch eine Zweitauflage ein gr?sseres
Publikum fand. Vor wenigen Wochen ist nun ihr Unplugged-Album
erschienen, das zwar erfolgreich l?uft, aber in meinen Ohren ihre
schlechteste Ver?ffentlichung ist. Wer die Corrs in Hochform erleben
will, der sollte sich die DVD von ihrem Konzert in der Royal Albert
Hall besorgen. Ich hoffe, dass ihr drittes Album, das wahrscheinlich im
n?chsten Jahr erscheinen wird, sie wieder mehr zur?ck zu ihren Wurzeln
f?hren wird.